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Was wir von Frankreich über die Macht unserer Gefühle lernen können

Von Sylvie Bueb am 22. Januar 2015

jesuischarlie03Es war Bestürzung, Wut, Ohnmacht in den Berichten von Fernsehen und Radio der darauffolgenden Stunden zu spüren. Man konnte es einfach nicht fassen, dass diese unsere Gesellschaft mit ihren Werten der freien Meinungsäußerung und Demokratie in Ihren Grundpfeilern verletzt werden könnte, eine Zielscheibe von Hass und Verachtung auf sich ziehen würde.

Wie würde die Nation reagieren? Würde es zu einer Eskalation mit Hassparoden von beiden Seiten kommen, Demonstration gegen Terror und dem Ruf nach Repressalien?

Kollektive Verbundenheit statt Eskalation

Es sollte ganz anders kommen. Anstatt die Nation zu spalten, sollte es zu den größten Friedenskundgebungen kommen, die ich in Frankreich seit über 20 Jahren gesehen habe. Es hat mich zutiefst berührt.
Am Sonntag, den 11.Januar sind in allen Städten Menschen auf die Straße gegangen, viele trugen ein Plakat in den Händen mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ (ich bin Charlie). Eltern kamen mit ihrer ganzen Familie, die Kinder jeden Alters waren zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Demonstration. Mütter und Väter wollten ihren Kindern vermitteln, dass es wichtig ist, für die Grundfundamente, die unsere Demokratie ausmachen, auf die Straße zu gehen.

Diese Reaktion war nicht geplant. Auf Betroffenheit und Angst folgten Zusammengehörigkeit und das Einstehen für gemeinsame Werte. Die Menschen sprachen plötzlich anders miteinander, in einer Art Verbundenheit, die man sonst so sehr in unserem Alltag vermisst. An vielen Straßenecken malten Kinder auf Zeichenblöcken ihre Vision der Welt und waren sich mit ihrer kindlichen Intuition bewusst, dass sie an einem ganz besonderen Moment teilhatten. Bürger umarmten Polizisten und bedankten sich bei Ihnen, dass sie sich für unserer aller Schutz einsetzte.

John Kerry, der amerikanische Staatsmann, der einige Tage später in Paris eintraf formulierte es treffend: „Worte können nicht ausdrücken, was ich empfinde. Zu sehen, wie viele Menschen von überall her kommen und für Ihre Grundrechte demonstrieren. Es hinterlässt in mir starke Emotionen, die ich nie vergessen werde.“ An diesem Tag gingen die Bilder von 3,7 Millionen Franzosen um die Welt, die sich in allen Großstädten versammelten – noch viel mehr, als Frankreich die Fußballweltmeisterschaft in 1998 gewonnen hatte.

Emotionen und Transformation

Was hat das Thema nun mit unserem Arbeitsalltag zu tun? Wie haben Emotionen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir mit Druck und Stress umgehen?

Nun, es zeigt uns auf, wie die Kraft unserer Emotionen unser Verhalten entscheidend beeinflussen kann. Wie wir, indem wir unsere Emotionen transformieren, zu viel Gutem und Verbindendem fähig sind. Es wäre einfach gewesen, mit Wut und Forderung nach Repressalien die politische Stimmung aufzuheizen.

Dann wäre es aber nicht zu den Kundgebungen und Massenbewegungen gekommen. Die Menschen waren von anderen Emotionen bewegt und es folgten darauf friedliche Demonstrationen und das Besinnen auf gemeinsame Werte. Eine weit bessere Alternative, wie ich meine.

Für mich ist es zunächst nur beeindruckend zu sehen, was eine Gesellschaft bewirken kann, wenn sie kollektiv nicht Trauer, Ohnmacht und Aggression, sondern Zusammengehörigkeit, Wertschätzung und Toleranz kultiviert. Wir hatten es beinahe schon vergessen.

Nicht rosarot, sondern transparent

Natürlich hat es keinen Sinn, sich hierbei die rosarote Brille aufzusetzen und die negativen Dinge unseres Alltags zu ignorieren. Wie meine Kollegin Martina Baehr in ihrem letzten Beitrag aber deutlich herausgestellt hat, ist das Umschalten auf einen inneren „Wohlfühlmodus“ kein Luxus, sondern wird zu einer echten Notwendigkeit. Unser Zeitgeist fordert zum Umkehren auf, zu einem Fokus hin zu mehr Achtsamkeit mit sich selbst und anderen.

Wählen wir den anderen Modus, fallen wir in die Niederungen der Polarisierungen des Unverständnisses und der Abgrenzung. Der erste Schritt, sicher schmerzlich, ist erst einmal anzuerkennen, in welchen Zustand man sich befindet. Man setzt keinen Farbfilter vor die Augen, sondern sieht alles so wie es ist.

Es liegt an uns, wie wir uns entscheiden. Wir dürfen entscheiden, in welchem Modus wir uns künftig bewegen wollen. Wir nehmen unsere Realität durch den Filter unseres derzeitigen Modus war. Viktor Frankl formulierte das zutreffend: „Zwischen Stimulus und Reaktion gibt es einen Raum. Und dieser Raum macht die menschliche Freiheit aus.“

Wie im Großen so im Kleinen

Diesen Moment, wie ihn es Frankreich nun gelebt hat, gilt es festzuhalten. Es könnte uns einen Vorgeschmack auf das geben, was wir von einer künftigen Gesellschaft, unserer Art und Weise des Zusammenlebens erwarten könnten. Und man muss nicht in einen Schockzustand verfallen, um dies zu erreichen. Man muss nicht erst der völligen körperlichen und emotionalen Erschöpfung unterliegen, bis wir endlich etwas für uns tun. Wir haben es selbst in der Hand. Tag für Tag.

Denn Veränderungen fangen immer bei uns selbst an. Wir wissen intellektuell, dass wir vielleicht mehr auf uns achten sollten, unserer Familie und Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, uns mehr abgrenzen sollten, wenn wir uns die Arbeit mal wieder über den Kopf wächst. Aber wir TUN es meist nicht. Wir sitzen in einem Automatismus, einem Hamsterrad fest und haben das Gefühl, daraus nicht ausbrechen zu können. Hier zeigen uns wieder unsere Gefühle an, dass etwas nicht stimmt. Nur entwickeln wir nicht das Bewusstsein, diese auch wahrzunehmen und anzuerkennen.

Mal ganz konkret

Wie wäre es also, wenn wir in unserem Arbeitsalltag einfach mal innehalten würden? Wir uns dessen bewusst werden würden, was wir gerade empfinden, wenn uns der Kollege die Präsentation zum vereinbarten Termin nicht fertiggestellt hat? Wir würden wahrscheinlich Frustration, vielleicht auch Gereiztheit empfinden. Und in diesem emotionalen Zustand wahrscheinlich auch gleich reagieren.

Aber heute haben Sie beschlossen, die Dinge einmal anders anzugehen.

Sie sind in der Lage, sich 5 Minuten Auszeit zu nehmen und die Tür zu Ihrem Büro zu schließen. Es gelingt Ihnen, sich mit ihren eigenen Ressourcen zu verbinden und ihren Körper in ein neues physiologisches Gleichgewicht zu bringen. In diesem Zustand empfinden sie innere Ruhe und Ausgeglichenheit.

Und dann denken Sie wieder an Ihren Kollegen und die Situation. Nun kommen Ihnen interessanterweise andere Gedanken. Sie denken daran, dass Ihr Kollege im Moment in Bezug auf eine familiäre Situation extrem belastet ist. Sie denken an Ihren Vorgesetzten, der ihm noch weitere Projekte kurzfristig übertragen hat. Vielleicht empfinden Sie ja auch einen Moment Wertschätzung für ihn, da er Ihnen ja vor einiger Zeit ein wichtiges Dokument übermittelt hatte, ohne dieses Sie es nicht geschafft hätten, eine Kundenanfrage zeitnah zu beantworten.

Wenn Sie nun zum Telefon greifen oder Ihren Kollegen sogar persönlich im Büro sehen, werden Sie sehr wahrscheinlich anders agieren. Ihre emotionale Verfassung wird ihr weiteres Verhalten konditionieren. Und Sie werden sehr wahrscheinlich einen Konsens finden, der es Ihrem Kollegen klar macht, dass eine Kooperation weit mehr bringt als die Konfrontation oder Ignoranz.

Für mich sind Emotionen kein Luxus. Denn sie können Wunderbares bewirken – sowohl im Großen wie auch im Kleinen. Haben Sie den Mut, es für sich auszuprobieren!

 

Sylvie Bueb, ist Trainerin, Heilpraktikerin und Coach in Frankreich und Deutschland (www.heart-beats.me).

Sie hilft Menschen im Arbeitsalltag, Druck und Stress selbstständig abzubauen – wieder Zugang zu seiner inneren Wahrnehmung, seinen Emotionen zu finden. Gemeinsam mit Martina Baehr betreibt sie die Initiative „Kraftvoll statt Ausgebrannt“  Wirksame Stressregulierung im Arbeitsalltag.

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