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Stress ist ansteckend – das emotionale Virus im Arbeitsprozess

Von Martina Baehr am 23. Mai 2014

Eine aktuelle Studie vom Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften in Leipzig und der TU Dresden bestätigt die Ansteckungsgefahr von Stress. Dieses Ergebnis überrascht mich nicht, wenn ich so an meine Erfahrungen im Arbeitsalltag denke.

 

Das Thema Stress wird viel diskutiert, da er nachweislich viele negative Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden und die Gesundheit hat. Psychische Probleme wie Burn-Out, Angsterkrankungen oder Depressionen nehmen laut Statistiken immer mehr zu. Aber auch körperliche Symptome wie Bluthochdruck stehen in engem Zusammenhang mit Stress. Ich selbst bin als Mitglied eines Arbeitskreises der Gesellschaft für Projektmanagement gerade an der Berichterstellung einer Studie zur Burnout-Gefährdung von Projektmanagern beteiligt. Und auch unsere Ergebnisse bestätigen eindeutig diesen Trend.

Stress ist nicht nur unser persönliches Problem, Stress ist ansteckend.

Die Studie zeigt auf, dass Stressreaktionen nicht nur in denjenigen Personen ausgelöst werden, die den Stress direkt erleben. Sondern dass es unabhängig davon, zu „empathischen Stressreaktionen“ kommt. Diese Stressreaktion wurde in der Studie nicht nur anhand subjektiver Empfindungen der Personen überprüft, sondern auch auf der körperlichen Ebene über einen Anstieg des Stresshormons Kortisol bei den Teilnehmern gemessen.

Stressreaktionen können wie ein Virus um sich greifen und andere anstecken

Das heißt im Klartext, wenn in einer schwierigen Situation Einzelne bzw. mehrere Personen unter Stress geraten ist die Gefahr groß, dass sie andere anstecken. So dass diese Stressreaktion dann wie ein Virus um sich greift. Ist eine starke emotionale Beziehung  vorhanden, wie z. B. bei einer Partnerschaft, liegt die Ansteckungsgefahr bei bis zu 40 %. Selbst bei fremden, emotional unbeteiligten Personen beträgt in Ansteckungsgefahr noch 10 %.

Für die Studie wurden als Stresssituationen das „Lösen von Kopfrechenaufgaben“ und das „Bewerbungsgespräch mit Verhaltensbeobachtung“ ausgewählt. Was kennzeichnet solche Gefährdungssituationen? Woran merke ich, dass sich das Virus ausbreitet?

In stressigen Situationen haben wir unangenehme Gefühle. Diese sind uns mehr oder weniger bewusst. Die unangenehmen Gefühle haben dann automatisch auch „negative“ Gedanken zur Folge. Die dann weitere unangenehme Gefühle auslösen und so weiter. Anhand dieser beiden Merkmale kann man Situationen mit hohem Gefährdungspotenzial ganz gut identifizieren.

Dazu zwei Beispiele aus meinem Arbeitsalltag.

 Der Problemlösungsfall

Im Projektverlauf tauchen Probleme auf, sei es dass man den geplanten Termin nicht einhalten kann. Oder der ursprünglich geplante Verlauf aufgrund neuer Erkenntnisse grundlegend geändert werden muss.

Das ist eine emotional sehr unangenehme Situation die Ärger, Enttäuschung, Resignation oder auch Wut hervorruft je nach individuellem Charakter der Beteiligten. Auftauchende Gedanken sind wahrscheinlich“ Nicht schon wieder“ Oder „Kann denn nicht einmal alles glattlaufen“ oder auch „Ich habe es ja gleich gesagt“. Diese unangenehmen Gefühle können uns dann überwältigen und auf die anderen – das Projektteam, den Auftraggeber und weitere betroffene Personen – übergreifen.

Oft will man eine schnelle Lösung des Problems, in stressigen Situationen neigt man aber leider dazu, herkömmliche Lösungen zu bevorzugen, die oft nicht weiterhelfen. Oder man gefällt sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Gerade Schuldzuweisungen und die dadurch ausgelösten Gefühle können nach meiner Erfahrung ein Team nachhaltig infizieren.

Hier wäre es hilfreich zunächst einmal die Situation zu relativieren, sprich die Dramatik herauszunehmen. Wie schlimm ist es wirklich, das Ziel nicht wie geplant erreichen zu können? Haben wir im Projektverlauf nicht bereits vieles gelernt, was uns jetzt bzw. zukünftig weiterhelfen kann? Welche zusätzlichen Informationen brauchen wir für eine gute Problemlösung?

Denn tatsächlich gibt es nur wenige wirklich dramatische Situationen, die beispielsweise die Existenz eines Unternehmens gefährden. So können sich die Gefühle wieder beruhigen, so dass sich das Virus nicht weiter ausbreiten kann. Nur so sind alle Beteiligten wieder offen, den Prozess in Ruhe wieder aufzunehmen. Nur dann können und wollen auch alle zur Problemlösung beitragen.

 Unerfüllte Bedürfnisse

Wie oft laufen Dinge nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe? Ich bekomme nicht die Unterstützung, die ich gerne hätte. Oder ich fühle mich ungerecht behandelt und nicht ausreichend wertgeschätzt für die Leistung, die ich erbracht habe. Kurz gesagt, meine Bedürfnisse werden nicht erfüllt.

Ich jedenfalls habe mich in der Vergangenheit oft in die innere „Schmollecke“ zurückgezogen und die damit verbundenen unangenehmen Gefühle wie Ärger und Frustration gepflegt. Oder was ich auch gerne tue: Meinen Frust mit anderen Kollegen besprechen und meine Wut mal so richtig rauslassen. Und damit habe ich dann sicher auch den ein oder anderen angesteckt.

Seitdem ich weiß, welche negativen Auswirkungen das Kultivieren der unangenehmen Gefühle für mich bedeutet, suche ich viel öfter konstruktive Lösungen. Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe mit den Personen ins Gespräch, die das Thema wirklich betrifft. Oder die den notwendigen Einfluss zur Erfüllung meiner Bedürfnisse haben.

Das kann ein Konfliktlösungsgespräch sein, oder auch dass ich ganz konkret um Hilfe und Unterstützung bitte. Wichtigste Voraussetzung ist auch hier zunächst das emotionale Virus zu erkennen und zu entschärfen. Um die nächsten Schritte angehen zu können. Denn ein Konfliktgespräch auf der Grundlage von Wut und Ärger wird sicher nicht die gewünschten Ergebnisse bringen.

Die Erkenntnisse der Studie bestätigen mir auf´s Neue wie wichtig es ist, meine mentalen und emotionalen Verhaltensmuster zu kennen. Denn das ist ja die Voraussetzung dafür, dass ich die Situationen mit hoher Ansteckungsgefahr  erkennen kann.

 

Hier geht es zu Pressemitteilung über die Studie „Dein Stress ist auch mein Stress“

 

 

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2 Kommentare zu “Stress ist ansteckend – das emotionale Virus im Arbeitsprozess”

  1. Bueb Sylvie sagt:

    Liebe Martina,

    ein sehr gut recherchierter und interessanter Beitrag! Man kann dann direkt den Zusammenhang mit unserem Immunsystem erkennen, wenn man bei Stress an einen Virus denkt. Das erklärt viele physiologische Reaktionen.
    Und wie man aus der Ganzheitsmedizin weiss: Viren kann man nicht effizient bekämpfen, es sei denn, man stärkt sein Immunsystem. Und wenn man weiss, dass Gedanken und Emotionen nichts als Schwingung sind, dann erscheint es logisch, dass dann unsere Gesundheit unter “negativer Schwingung” leidet.

    Danke für den gelungenen Beitrag!

    Sylvie

    • Liebe Sylvie,

      danke für Deinen Kommentar und den Hinweis auf unser Immunsystem. Und ja, es wird mir auch immer bewusster wie sehr doch alles – unsere Gesundheit, unsere Beziehungen und unsere Leistungsfähigkeit – miteinander verbunden sind. Und ich bin absolut einverstanden, man muss sein Immunsystem stärken und nicht die Erreger bekämpfen. Dazu mehr in meinem nächsten Blogartikel zur Kohärenz.

      Dir ein schönes Wochenende.
      Martina

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